Freitag, 20. September 2013

Doktorarbeit 7: Die Bedeutung der funktionellen Anatomie in China für die Motorik - Chen

Haitao Chen

Fachbereichs Erziehungswissenschaften der Philipps-Universität Marburg / Lahn, 2005

Die funktionelle Anatomie ist ein Grundbegriff der westlichen Medizin und ist als Spezialgebiet zwischen der Sportwissenschaft und der Medizin angesiedelt. Wie jede Wissenschaft ist sowohl die Sportwissenschaft als auch die Medizin ständigen Entwicklungen unterworfen. Forschung und klinische Erfahrungen erweitern die Erkenntnisse, insbesondere was Behandlung und Therapie anbelangt.

Mein Herkunftsland ist China. Meine Arbeit ist geleitet von der Überzeugung, dass die alte chinesische Medizin einen modernen wissenschaftlichen Wert haben kann. Auch durch mein Studium der Motologie begründet, wird mir immer mehr das Positive der chinesischen Denkweisen und Lebensweisen bewusst, und ich habe begonnen, mich noch intensiver mit der traditionellen chinesischen Medizin zu beschäftigen.

Im Westen bestehen trotz einiger Anerkennungen immer noch viele von Vorurteilen geprägte Vorstellungen über die traditionelle chinesische Medizin.

Um diesen Vorurteilen zu begegnen, ist es wichtig zu betonen, daß die chinesische Medizin eine jahrhundertealte Geschichte hat, die in vielen schriftlichen Quellen belegt ist. Schon ein kurzer Blick in die chinesische Geschichte zeigt, daß es kontinuierlich Menschen gab, die sich für die Beobachtung der Natur interessierten, um neue medizinische Therapien zu finden und zu beherrschen. Eine entscheidende Weiterentwicklung war zum Beispiel die Erfassung der Grundlagen der Leitbahnen durch den damals berühmten Arzt Li, Shi-Zhen [1] (genaue Zeit wurde nicht überlifert). Gleichfalls eine lange Geschichte hat die Bemühung chinesischer Heilkundiger, den Menschen zu helfen, die an Gelenkbeschwerden leiden. Sie sammelten immer mehr Erfahrungen mit ihren Methoden und fanden heraus, dass bestimmte Körper- und Atemübungen die Körperfunktionen verbessern können [2]. Es gab in China im 2. bis 3. Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung (141-203) einen sehr berühmten Arzt namens Hua, Tuo [3]. Er war der Wegbereiter der Anästhesie und stellte zur Kräftigung des Körpers gymnastische Übungen zusammen, bei denen die Bewegungen von Tigern, Hirschen, Bären, Affen und Vögeln nachgeahmt wurden. Diese Übungen mit dem Namen Wu-Qin-Xi (Gymnastik der fünf Tiere) gab der Arzt an seine Schüler weiter. Sein Motto lautete: „Der menschliche Körper braucht die Arbeit und die Bewegung, jedoch ohne Übertreibung. Bewegt er sich, dann verbraucht er Nährstoffe; das Blut zirkuliert in seinem Körper richtig und es entsteht keine Krankheit; ebenso wie eine Türangel nie verfault (wenn sie ständig in Bewegung ist).“[4]. Sein Zeitgenosse Zhang, Zhong-Jing (150-219) [5] betonte die Wichtigkeit der chinesischen Gesundheitsgymnastik zur Vorbeugung und Therapie von Krankheiten [6]. So gab es in der chinesischen Geschichte viele sehr berühmte Ärzte, die sich lebenslang der Erforschung der Zusammenhänge von Gesundheit und Krankheit gewidmet haben und die viele wichtige Werke geschrieben haben. Sowohl sie selbst oder ihre Werke haben sehr wichtige und tiefgreifende Einflüsse auf die Entwicklung der traditionellen chinesischen Medizin gehabt [7].

In China wurden erst seit 1949 regelmäßige Untersuchungen auf dem Gebiet der traditionellen chinesischen Medizin angestellt [8]. Die seitdem vergangene Zeit reichte keinesfalls aus für eine Lösung der gestellten Aufgaben. Die Gefahr einer zu schnellen Arbeit würde die eventuell sehr wertvollen, alten Überlieferungen spurlos verschwinden lassen. Manche dieser Überlieferungen, die bisher als bloßer Aberglaube galten, stellten sich in ihrem Kern später doch als sehr wichtiges Material heraus, das mit den modernsten Erkenntnissen Schritt halten kann. Bei der Zusammenführung von moderner Wissenschaft und traditioneller chinesischer Medizin stellt es nur einen Teilbereich der Aufgabe dar, die Methodik der modernen Wissenschaft kennenzulernen und anzuwenden. Die andere Aufgabe ist aber nicht weniger wichtig, nämlich die alten chinesischen Terminologien auf eine moderne, wissenschaftlich akzeptierbare Art zu erklären. So könnte man beispielweise die Yin- Y ang-Beziehung vielleicht mit dem Sypathicus-Parasypathicus-V erhältnis verständlich machen oder die Theorie der fünf Elemente in der heutigen Medizin wissenschaftlich erklären.

Das Ziel meiner Arbeit ist es dementsprechend, in meinem ersten Teil den heutigen Stand der Erforschung der chinesischen Originalquellen darzustellen, sowie auf die Beziehung der traditionellen chinesischen Medizin zur westlichen Medizin und die Bedeutung der funktionellen Anatomie in China für die Motorik hinzuweisen. Es sollen keine Urteile und Kritiken über den Wert der traditionellen chinesischen Medizin bzw. der westlichen Medizin abgegeben werden, sondern der heutige Stand der Forschung außerhalb des chinesischen Sprachgebietes überhaupt erst einmal dargelegt und als eine bemerkenswerte und praktische Grundlage für weitere Forschungen herausgestellt werden.

In meinem zweiten Teil beschreibe ich dann sowohl die theoretischen Vorüberlegungen als auch die Ergebnisse eines Versuches, an dessen Durchführung ich zwischen 2000 und 2003 im Baotou Sanatorium unter Leitung vom Professor Dr. Chang, Zhen-Hua beteiligt war. Es handelt sich um eine Vergleichsstudie zur Therapie der Periarthritis humeroscapularis, bei der in einer der beiden Patientengrupen zusätzlich Methoden der TCM angewendet wurden. Daran schließt sich die Diskussion der Ergebnisse an, in denen ich noch einmal auf die im Versuch wirksamen Heilmethoden eingehe.
Ich hoffe, mit dieser Arbeit dazu beitragen zu können, die Kenntnisse über Zusammenhänge zwischen westlicher Medizin und der traditionellen chinesischen Medizin zu erweitern.

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